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DIT Fachsession Gesundheit

Gesunde Zukunft: Mit Ingenieurskunst zu mehr planetarer Gesundheit

Die Gesundheit des Menschen und die Gesundheit des Planeten sind untrennbar miteinander verbunden. Diese offensichtliche Wahrheit findet jedoch bei vielen Überlegungen zu wenig Beachtung. Hier setzt die Planetare Gesundheit an. Denn es braucht dringend mehr Lösungen für eine nachhaltige Zukunft. Auf dem Deutschen Ingenieurtag spricht Dr. Andrea Nakoinz, Expertin für planetare Gesundheit, darüber, „Was wir brauchen, um die größten Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam zu lösen“. Uns erklärt sie im Interview, warum Ingenieurinnen und Ingenieure eine Schlüsselrolle einnehmen, um unsere Umwelt gesund und lebenswert zu gestalten.

VDI: Gesundheit betrifft uns alle. Darum beschäftigen wir uns auch auf dem Deutschen Ingenieurtag mit diesem Thema. Hier liegt auch ein Fokus der VDI-Initiative Zukunft Deutschland 2050. Welche Rolle spielen Ingenieurinnen und Ingenieure für unsere Gesundheit?

Andrea Nakoinz: Gesundheit ist essenziell, sei es im Ingenieurswesen, in der Wirtschaft oder in der  Industrie. Denn wenn Mitarbeitende nicht mehr arbeiten können, bricht das Geschäftsmodell zusammen. Schließlich bleibt der Mensch trotz KI und Automatisierung zentraler Faktor. Zudem sind Arbeitgeber verpflichtet, für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden Sorge zu tragen.

Außerdem ist in Deutschland der Gesundheitssektor riesig: 10 % der Angestellten arbeiten in diesem Bereich, zudem gibt es einen erheblichen Investitionsstau und den demografischen Wandel. Der Gesundheitssektor ist dabei nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, sondern spielt gesellschaftlich eine zentrale Rolle.

Den Blick weiten: vom Einzelnen zu einer planetaren Gesundheit

VDI: Sie beschäftigen sich intensiv mit planetarer Gesundheit. Was versteht man darunter?

Andrea Nakoinz: Kurz gesagt: Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Wenn die Umwelt leidet, wirkt sich das negativ auf unsere Gesundheit aus. Es gibt verschiedene Ebenen der Gesundheit:

  • die individuelle Gesundheit – wenn ich krank bin und zum Arzt gehe, oder zuhause bleibe und mich auskuriere
  • die öffentliche Gesundheit – die Gesundheitsämter mit ihren Aufgaben wie Schuleingangsuntersuchungen, Gesundheitsschutz und Prävention
  • die  globale Gesundheit, hier beispielsweide die Arbeit der WHO, die Krankheitsausbrüche, Hungersnöte und generell Menschen weltweit im Blick hat.

Planetare Gesundheit geht noch weiter: Sie betrachtet nicht nur Mensch und Umwelt, sondern auch den Einfluss weltweiter Faktoren wie Wasserverfügbarkeit oder CO2-Anstieg.

Ein anschauliches Beispiel: Wenn der Meeresspiegel um fünf Meter steigt, verlieren Milliarden Menschen ihr Zuhause, was zu massiven psychischen Belastungen führt und riesige Migrationsbewegungen auslöst. Das hat wiederum demokratiegefährdende Auswirkungen. Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Ernährung: so verbraucht beispielsweise die Fleischproduktion immense Flächen und führt zur Abholzung von Wäldern. Wir brauchen sehr viel Fläche, dazu ist viel Fleisch zu essen nicht gesund. Also versuchen wir Möglichkeiten zu finden, unser Ernährungssystem und unser Agrarsystem anzupassen. Das Konzept planetarer Ernährung zeigt hier Wege auf, die gesünder für Mensch und Umwelt sind.

VDI: Warum ist dieses Konzept gerade jetzt so wichtig?

Andrea Nakoinz: Weil aus der planetaren Gesundheit die sogenannten planetaren Grenzen abgeleitet werden. Diese Grenzen zeigen, in welchen Bereichen unser Planet gesund bleibt. Hier können wir wissenschaftlich fundiert sagen, in dieser Range ist alles in Ordnung. Außerhalb dieser Grenzen wird es gefährlich. Es gibt neun planetare Grenzen, von denen wir bereits sechs überschritten haben – teils drastisch. Das ist eine reale Bedrohung für die Existenz der Menschheit. Bespiele sind der Klimawandel, also CO2 in der Atmosphäre, die Trinkwasserverfügbarkeit, der Biodiversitätsverlust oder giftige Substanzen in der Umwelt. Ich bin Anästhesistin und weiß: Propofol, ein Narkosemittel, lagert sich in der Umwelt ab. Außerdem gibt es Kühlgase in Klimaanlagen, die extrem schädlich sind. Die EU hat eine F-Gas-Verordnung erlassen, um diese Emissionen zu reduzieren. Hier sind Ingenieurinnen und Ingenieure gefragt: Wir brauchen umweltschonende, energieeffiziente Kühlung, denn der Klimawandel ist bereits Realität und Klimaanlagen werden weiter an Bedeutung gewinnen.

Vom Wissen zum Handeln

VDI: Welche Defizite sehen Sie aktuell, und wo besteht der größte Handlungsbedarf?

Andrea Nakoinz: Unser Hauptproblem ist nicht mangelndes Wissen, sondern mangelnde Umsetzung. Die wissenschaftlichen Fakten liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Doch es gibt eine globale Verdrängungshaltung – angetrieben von fossilen Industrien, die gezielt Fehlinformationen streuen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel, damit Politik und Wirtschaft handeln. Es ist gut, dass Zukunft Deutschland 2050 dieses Thema aufgreift und der VDI es unterstützt. Ingenieurinnen und Ingenieure müssen aktiv an Lösungen arbeiten, etwa in den Bereichen erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und Klimaanpassung.

VDI: Welche konkreten Maßnahmen sind nötig?

Andrea Nakoinz: Viele Technologien zur Reduktion von CO2-Emissionen existieren bereits. Erneuerbare Energien sind günstiger als fossile oder atomare Energie. Wärmepumpen, PV-Dachziegel oder Speichertechnologien sind Innovationen, die sich weiterentwickeln lassen. Auch Kreislaufwirtschaft ist ein zentrales Thema, in dem Deutschland Vorreiter werden kann.

Parallel zur CO2-Reduktion müssen wir uns an den Klimawandel anpassen. Wie können wir Hitzewellen überstehen, ohne überall energieintensive Klimaanlagen zu installieren? Hier sind Kühlwesten, reflektierende Farben oder grüne Fassaden erste Lösungen, aber wir müssen viel weiterdenken. Der VDI kann hier durch Wissenstransfer und Vernetzung von Unternehmen viel bewirken. Denn globale Gesundheit sollte in allen Bereichen und mit vielfältigen Facetten mitgedacht werden. Hier müssen wir die Menschen sensibilisieren.

Statt des ökologischen Fußabdrucks braucht es größere Handabdrücke

VDI: Wie können Einzelpersonen zur Lösung beitragen?

Andrea Nakoinz: Statt nur den eigenen ökologischen Fußabdruck zu minimieren, sollten wir unseren Handabdruck vergrößern – also innerhalb unseres beruflichen Umfelds und gesellschaftlichen Netzwerks für klimafreundliche Lösungen sorgen. Ingenieurinnen und Ingenieure haben hier einen enormen Hebel. Der VDI bringt die richtigen Leute zusammen, um nachhaltige Innovationen zu entwickeln.

VDI: Vielen Dank für das Gespräch!

Autorin: Gudrun Huneke

Fachlicher Ansprechpartner:
Dipl.-Ing. Simon Jäckel
Koordinator des VDI-Fokusthemas Gesundheit
Telefon: +49 211 6214-535
E-Mail: jaeckel@vdi.de

 

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